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Fellpflege

Die Fellpflege des Bergamascos

1. Gedanken zum Aussehen der Bergamascos

Wenn man sich alte Fotos von Bergamaskern beschaut, so fällt auf, dass diese längst nicht so lange Zotten haben, wie ihre Nachfahren heutzutage:

Diese alte Postkarte zeigt zwei Bergamasker aus den 50ger Jahren. Keine langen Dreadlocks (das heißt frei übersetzt übrigens soviel wie „Kummerlocken"!), sondern eher kurz verfilztes Haar, besonders aber zu beachten: die dick verfilzten Pfoten. Diese beiden fidelen Burschen sehen aus, als könnte man mit ihnen durch Dick und Dünn gehen und das haben sie wahrscheinlich auch täglich getan – bei so einem Leben haben lange Filzzotten keine große „Überlebenschance". Auch der legendäre Alpino di Valle Imagna, Urvater der Bergamasker-Liebhaberzucht, zeigt übrigens eher kurzen Filz und keinen langen Behang.

Wo fängt die Qualzucht an?

In den 50er Jahren begann erst die Liebhaberzucht in der Modemetropole Mailand und Umgebung – und man merkte, dass die Zotten in der Ausstellungswelt für umso größeres Aufsehen sorgten je länger sie waren. Also begannen die Züchter auf möglichst langen üppigen Fellwuchs hin zu selektieren. Das Ergebnis sind Hunde, die ohne menschliche Hilfe mit ihrem Fell nicht gut klarkommen: Im zweiten Jahr würde das Fell bei einigen Bergamaskern ohne menschliches Zutun zu einer undurchdringlichen Masse verfilzen, die die Hunde massiv in ihrer Bewegung hindert. Ich weiß von Hunden, die aufgrund einer völligen Verfilzung kaum laufen konnten und auch von Hunden, die, nachdem sie dann von ihrem Filzpanzer befreit waren, in der Hinterhand wegsackten, weil ihre „Fellstütze" fehlte. Ich denke, wir sind uns einig: Lassen die Besitzer Bergamasker so verwahrlosen, haben wir ein tierschutzrelevantes Fehlverhalten!

Entlarvend und schockierend: dieses Foto, aufgenommen während der „Befreiung" dieses armen Burschen zeigt in aller Deutlichkeit, wie unter diesen sinnlosen Fellbergen, die dieser arme Kerl mit sich herumschleppen musste, die Muskeln völlig verkümmert sind, weil ein ausreichendes Maß an Bewegung einfach nicht mehr möglich war!

Aber was ist mit Hunden, deren übermäßiger Fellwuchs für Ausstellungszwecke fachgerecht gebändigt wird? Ein Weltsieger in Stockholm 2008 z.B. war ein amerikanischer Bergamasker mit bodenlangen Zotten, der am ganzen Körper verfilzt war. Wie man so einen Weltsieger stylt, kann man auf der Homepage des Besitzers unter „care" wie Pflege nachlesen: Zum Gassi-gehen werden die Zotten zu dicken Zöpfen mit dicken Haargummis zusammengeschnürt und seitlich hoch verzurrt – fertig ist der sportliche Ausgehhund – so steht es da für den staunenden Leser. Für Dreadlocks, die dennoch schmutzig werden und stinken, wird eine Behandlung mit einer Mischung aus Backpulver, Spülmittel und Peroxyd empfohlen, wobei davor gewarnt wird, zuviel Peroxyd zu verwenden, weil es das Fell des Bergamaskers ausbleicht... danach kommen die Hunde in Trockenkäfige mit Ventilatoren...

So ein Fell ist in keiner Weise funktional, hat den einzigen Zweck, auf dem „Jahrmarkt der Eitelkeiten" zu beeindrucken und ist in meinen Augen ebenfalls ein tierschutzrelevantes Problem, da ein artgerechtes Hundeleben so kaum möglich ist.

Im Standard heißt es, die Zotten sollen „Richtung Boden weisen" – keine Rede davon, dass sie bis auf den Boden reichen sollen!

Gleiches gilt nicht nur für übermäßiges Längenwachstum des Fells, sondern auch für ein übermäßiges Verfilzen am ganzen Körper! Lange schwere Zotten in Bereich von Brust und Vorderbeinen behindern beim Laufen, weil der ganze Behang beim Trab vorne seitlich schwingt und damit den Hund aus dem Laufrhythmus bringt oder sogar zwingt, seine Beine nach vorne hoch zu schleudern um sich nicht auf die Zotten zu treten, Deshalb fordert der Standard hier auch vernünftigerweise kurze schmale Zotten bzw. aufgekämmtes Fell.

„Wo gehobelt wird, da fallen Späne" sagt ein altes Sprichwort – tja, und wo gespielt und getobt wird, da fallen eben Zotten – in unserem Spielwald findet man sie überall, unsere Bergis reißen und beißen sie sich beim Toben ab und sind bei ihren such- und Fangspielen glückliche ausgelastete Hunde – und das ist gut so!

 

 

„Un mantello curato e non troppo lungo è un piacere per il cane e il padrone" heißt auf deutsch: Ein gepflegter, nicht allzu langer Behang ist ein Vergnügen für Hund und Herrchen"

Das rechts stehende Photo stammt von der Homepage des Präsidenten des Italienischen Bergamaskerklubs SAB, Luigi Guidobono Cavalchini.

Mit unserer Wally habe ich es jetzt ausprobiert und zum ersten Mal wirklich beherzt zur Schere gegriffen und eine dicke Tüte Zotten (1.100 gr.) abgeschnitten Allerdings hatte ich das Fell auch vorher schon immer mal ein wenig gekürzt, sonst wäre es längst bodenlang. Urteilen Sie selbst, was Ihnen besser gefällt. Wally ist auf jeden Fall offensichtlich zufrieden mit ihrem neuen Outfit – und wir sind auch begeistert!

Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass ein bodenlanger Behang gar nicht rassetypisch für einen Treibhund wie den Bergamasker ist, der sich in der freien Natur bewegt. Vielmehr handelt es sich hier offensichtlich um ein Kunstprodukt für Ausstellungen, das auch nur künstlich erhalten werden kann und einfach nicht zu der ursprünglichen Zweckbestimmung dieser Rasse passt. Im Übermaß hindert es die Hunde an der freien Bewegung es ist schwer und es fängt unweigerlich an zu stinken und braucht trotz Wollfett sehr lange zum Trocknen, wenn es nass geworden ist. Andererseits ist dieses Fell zum Auskämmen wirklich auch ungeeignet und quält Hund und Mensch... Also geht es wie so oft darum, einen gesunden Mittelweg zu finden.

Von entscheidender Bedeutung sind die Richter: Wenn sie sich von überlangen Zotten beeindrucken lassen, diese Hunde dann oben auf's Treppchen stellen und z.B. Körperbau und Muskulatur diesem „Schönheitsideal" unterordnen, dann nehmen sie auch massiv Einfluss auf den Alltag dieser Tiere. Denn dann sind ausstellungswillige Bergamasker-Besitzer weiterhin dem unlösbaren Spagat zwischen einem artgerechten Bergamasker-Leben und einem möglichen Champion-Titel ausgeliefert.

Der VDH hat 2008 mit Bezug auf das Tierschutzgesetz zu lange Zotten als tierschutzrelevant problematisch kritisiert – hoffen wir, dass dieser Paradigmenwechsel sich nicht nur national sondern auch international durchsetzt – auch beim Kupierverbot gehörte Deutschland schließlich zu den Vorreiterländern!

Pflegeanleitung:

Tipps zum Fellteilen:

Die einzelnen Zotteln sollten etwa eine 4 x 4 cm große Grundfläche haben. Macht man die Zotteln zu dünn, besteht die Gefahr, dass sie in späteren Jahren reißen. Für Schnüre wie beim Kommondor oder beim Puli ist das Bergamaskerfell nicht geeignet.

Die schonenste Art der "Zottelbildung" ist das Aufreißen des Fells - diese Methode ist dem Schneiden auf jeden Fall vorzuziehen. Eine Schere braucht man aber trotzdem häufiger, um einen Anfang in der Filzmasse zu bekommen. Ist der Filz erst eingeschnitten, geht das Auseinanderreißen sehr viel einfacher.

In dieser schematischen Übersicht, (dargestellt übrigens an Alpino di Val Imagna, dem Urvater der heutigen Bergamasker) kann man sehen, wie das Fell im Prinzip geteilt werden sollte. Wir finden, es empfiehlt sich, zunächst die senkrechten Trennlinien anzugehen und später die waagerechten - alles nicht so gleichmäßig wie in unserer schematischen Darstellung!

Das Ganze dauert seine Zeit! Arbeiten Sie ruhig - im Einklang mit ihrem Hund - und übertreiben Sie nicht. Ein bis zwei Teilungslinien pro Sitzung reichen eigentlich und der ganze Prozess zieht sich dann ein paar Wochen hin - z.B. am Abend vor dem Fernseher oder im Urlaub mal so zwischendurch. Zunächst sieht man Ihrem Hund gar nichts an, da der "Babyflaum" noch das Ergebnis Ihrer Bemühungen verdeckt. Auch deshalb können Sie sich Zeit lassen. Ist das Werk vollendet, dann können Sie es "enthüllen": Eine Handvoll Flaum - vorsichtig abgeschnitten mit der Nagelschere - und Sie haben plötzlich einen Hund, der die Leute zu Vergleichen herausfordert: wie ein Drachen, wie ein Tannenzapfen,, eine Echse, ein Hund mit Federn, Schindeln, Schuppen - von da an werden Sie sich über die kreativen Einfälle Ihrer Mitmenschen wundern. Lassen Sie sich nicht durch Kommentare beeindrucken wie: "der Hund sieht ja aus wie verfilzt" - Ihr Hund ist verfilzt! Oder: "Eine Bürste würde dem aber auch mal guttun" - Quatsch! Wer soll denn da mit einer Bürste durchkommen? "Wo ist dem bei dem vorn und hinten?" - Klären Sie Ihre Mitmenschen auf: Hunde laufen äußerst selten rückwärts... Auch auf die Frage "Ist das echt?" müssen Sie sich einstellen - Ihnen wird schon eine passende Antwort einfallen.

Trotz (oder wegen) alledem: Das Ergebnis ihrer Bemühungen wird Sie begeistern!

 

 

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